Große Lippe riskiert und dafür nur kleines Bier kassiert

 

Große Lippe riskiert und dafür nur kleines Bier kassiert

Schon nach dem Einsetzen der Boote in das NRW-Flüsschen Lippe 80 km oberhalb der Mündung in den Rhein steht fest: Es wird eine Fahrt durch Schluchten. Nicht felsige Ufer mit üppigem Grünbewuchs begleiten uns – wie wir es bei alpinen Bächen lieben –, sondern stete Wechsel von sandigen Steilufern und saftigen Wiesen. Dahinter folgt beidseits des Flussverlaufs ein hoher Deich. Pustekuchen in Sachen Fernsicht, also Blick voraus zum Ziel – Wesel, wir kommen! Doch bis dahin werden noch vier Tage vergehen, die wir uns übers erste Mai-Wochenende vorgenommen haben. Die erste Etappe ist mit 22 km recht überschaubar. Um den sportlichen Tag abzurunden, waren wir vor der Kanutour schon mit den Fahrrädern vom Paddelziel zum Start gefahren – getreu dem parallel verlaufenden Wesel-Datteln-Kanal. An diesem fanden wir auch einen von außen recht attraktiven Campingplatz – dachten wir jedenfalls. Als wir spätnachmittags die Rezeption ansteuern, schwankt uns aus einer Sitzgruppe Grillfleisch-essender Dauercamper ein schnapsnäsiger Platzwart entgegen. Die Szene wie aus den 1980er Jahren hätte uns Warnung genug sein sollen. Doch die sonnenverwöhnte Wiese und der geringe Obolus fürs Übernachten überreden zum Bleiben. Obendrein lockt der Grillgeruch. Also schnell die Zelte aufgestellt, geduscht und ab in den Biergarten, um den Durst zu löschen. Doch ohje: Hatten wir schon beim Platzwart die Vermutung, sein Job sei mehr Frust als Lust, traf das fürs Wirtsehepaar erst recht zu. Das Servieren der Steaks auf Papptellern mit labberigen Toastecken als Beilage war schon die Höhe, das Ausschenken von Pils in mickrigen 0,2-l-Gläsern schließlich die Krönung. Deren Inhalt verdunstet im Nu auf unseren Zungen. Bei der dritten Runde fordern wir ein größeres Maß ein, nicht ohne flapsig zu fragen, was es mit den Minigläsern auf sich hätte. Perplex lässt uns der Wirt mit der Antwort sitzen: „Nachmittags war es recht stressig und viel los, deswegen haben wir in kleinen Gläsern ausgeschenkt ...“. Ahja, soll wohl bedeuten: Je mehr Gäste, desto kleiner die Gläser, damit sich die Lauffrequenz erhöht – da blicke jemand durch. Am zweiten Abend ziehen wir es jedenfalls vor, am nächsten Paddelziel in Flaesheim nach anstrengenden, kräftezehrenden 25 km auf dem kaum fließenden Gewässer und im Sattel im stilvollen „Jägerhof“ zu speisen.

Tag 3 der Tour; Abbruch des Zeltlagers und Suche einer neuen Bleibe näher am Ziel der nächsten beiden Flussetappen. Lippe und Kanal verlaufen nun eng beieinander. In der Nähe von Hünxe knubbeln sich mehrere Zeltplätze. Wir fahren jenen mit dem einladenden Gasthaus „Bensberg“ an und werden nicht enttäuscht: Wiese kurz gemäht, Sanitäranlage gut in Schuss, Restaurantkarte mundwässernd gefüllt. Doch vor dem Schmaus ist erst einmal wieder Sport angesagt. Boote am Startplatz in Dorsten ablegen, mit dem Pkw zum Ziel fahren, Fahrräder abladen und hinauf zum Einsatzpunkt radeln. Hier am Unterlauf der Lippe sind die Ufer endlich flacher und die Deiche nicht mehr ganz so hoch. Weitsicht ins Umland bedeutet mehr Abwechslung beim Paddeln und gleichsam mehr Spaß. So sind die 20 km Strecke schnell abgespult, ist der Tag beim Anlanden noch jung. Leider zeigt sich das Wetter launischer als prophezeit, so dass es uns doch nicht auf die Freiterrasse des Campingplatzes zieht. Da lockt schon eher eine Pizzeria am Straßenrand. Stunden später an den Zelten angekommen, entschließen wir uns noch zu einem „Absacker“ in der Gaststube des Platzwartes. Der weiß gleich, was Paddler mögen, stellt uns große gefüllte Gläser auf den Tisch und nimmt sich obendrein Zeit, mit uns über die Lippe, den in Sichtweite am Platz verbeiziehenden Wesel-Datteln-Kanal mit Badewasserqualität und das Dasein in dieser landschaftlichen Idylle zu plaudern. Wie um das Erzählte zu untermalen, geht im Westen hinter den großen Bäumen des Zeltplatzes die Sonne glutrot unter – exakt an jener Stelle, wo uns morgen nach den letzten 13 km die Lippe in den Rhein tragen wird. Na ja, ist ja doch noch `ne schöne Tour geworden, stellen wir im Rückblick fest und bestellen eine Abschlussrunde Mirabellenbrand zum Untermauern unserer Männerfreundschaft in puncto Boot und Bike.

Peter Wieland

Anfang Mai gaben die OTV-Paddler Axel Püttmann, Bernhard Ripken und Peter Wieland sowie Fitty Günther von den Ittertalern ihr Lippe(n)-Bekenntnis ab: Flussab ging es mit schnittigen Kajaks, wieder flussauf dann per Fahrrad. Text und Fotos: Peter Wieland