Wenn einer eine Reise tut

Horst "Conny" Stöcker führt australische Paddler den Rhein abwärts.

Wenn einer eine Reise tut

Es war alles geplant und organisiert: Die Paddelfreunde aus Hannover wollten mit ihren Gästen aus Australien die Moldau in Tschechien befahren. Da zu dieser Zeit aber der Osten und damit auch das Gebirge Südböhmens vom Hochwasser heimgesucht wurde, konnte diese Fahrt nicht stattfinden. Als Ersatzfluss bot sich der Rhein an. Jürgen rief mich an, ob ich nicht mitfahren könnte. Spontan sagte ich zu. Allerdings trafen wir uns auf der Hälfte der Strecke zwischen Kehl und Düsseldorf-Benrath am Kilometer 441 in Östrich-Winkel. Dort bestellte ich das erste gemeinsame Nachtlager für die gesamte Gruppe.

Als ich den Bootswagen geladen hatte mit Faltboot, Zelt, Isomatte, Schlafsack, Wechselwäsche, Neoprenanzug bis hin zur Taschenlampe, konnte es endlich losgehen Richtung Koblenz. Meine liebe Frau, Else, fuhr mich zum Ohligser Bahnhof. „Wo kann ich am besten einsteigen?“, fragte ich den Bahnhofsvorsteher in seiner gläsernen Kanzel auf Bahnsteig 1. Er blickte auf mein umfangreiches Gepäck und erwiderte: „Das würde ich mir nicht antun!“ Ich stieg in den ICE ein, der bekanntlich wenig Platz für sperrige Frachten bietet. Nahe Leichlingen kam schon der Zugbegleiter und fuhr mich an: „Was ist das denn hier – gehört das Ihnen? Das geht so nicht!“ Er wollte wissen, wie weit ich fahre. Als ich Köln angab, lenkte er aufgrund der kurzen Strecke ein und schob die freundliche Auskunft nach: „Umsteigen in Köln von Gleis 5 auf Gleis 7“.

Auf dem Kölner Bahnsteig fand ich vor lauter Leuten den Aufzug nicht. Doch mir blieben nur acht Minuten Umsteigezeit zum Anschluss-InterCity. Also mit dem hochbeladenen Bootswagen die Treppe hinunter hoppeln. Drei hilfsbereite junge Männer halfen mir die Nachbartreppe wieder hoch. Der Zug war kaum aus dem Bahnhof hinaus, als die Zugschaffnerin mein Gepäck beanstandete. Mein Einspruch, ich sei ja nur bis Koblenz im Zug, ließ sie nicht gelten: „Nein, Sie müssen beim nächsten Halt in Bonn raus!“ Ich hätte das Gepäck anmelden müssen, meinte sie. Nun, mir sagte man, das gelte als Handgepäck. Jetzt wurde ich belehrt: „Handgepäck ist, was man unter die Sitze schieben kann.“ Doch dazu war mein beladener Wagen zu groß. Die Dame hetzte mir den Zugführer auf den Hals. Er hatte ein Einsehen unter der Bedingung, dass ich das lange Paddel aus dem Bootssack nehmen würde. Die Leute zogen bei meinem Hantieren die Köpfe ein. Den Bootswagen quetschte ich zwischen zwei aufgehängte Fahrräder, die Paddelblätter stellte ich schräg an die Wand – nun durfte ich im Zug bleiben.

Umsteigen in Koblenz in einen Regionalzug, der endlich Platz bot für mein Gepäck. Vom Zielbahnhof bis zum Bootshaus war es einen Kilometer Fußmarsch im Nieselregen. Im Trockenen konnte ich in Ruhe mein Faltboot aufbauen. Am Spätnachmittag konnte ich schließlich die gemischte Paddlergruppe aus zwei Ehepaaren aus Australien sowie einem Ehepaar und zwei Männern aus Hannover mit einem Begrüßungsschluck am Rheinufer in Empfang nehmen. Doch welch‘ Überraschung: Die Australier tranken keinen Alkohol. Sie wollten auch nicht im Bootshaus schlafen, sondern bauten ihre noch vom Vortag nassen Zelte auf dem Nachbargelände am Rande eines Weinberges auf.

Am nächsten Tag paddelten wir mit starker Strömung durch das schöne Mittelrheintal mit seinen Schlössern und Burgen, den Weinbergen und dem regen Schiffsverkehr nach Boppard. 49 km waren zu bewältigen. Dort mussten die Australier dann im Bootshaus übernachten. Am liebsten hätten sie auf der Rheinpromenade gezeltet. Auf der 65-km-Fahrt am nächsten Tag nach Unkel lauerte vor einer Insel eine mir gut bekannte Stromschnelle. Ich rief warnend den beiden Mitpaddlern Jürgen und Rolf zu: „Kommt hier herüber!“. Doch nur zögerlich setzten sie sich in Bewegung. Plötzlich wurden beide in die Stromschnelle hineingezogen. Panikartig versuchten sie, den Höhenunterschied von etwa 60 cm wieder nach oben zu paddeln, um uns zu erreichen. Doch das misslang. Dabei fuhr sich Rolf in den Steinen der hier flachen Rheinstelle fest; er musste aussteigen, um sein Boot wieder frei zu bekommen. Da sich der Rhein an der Insel in zwei Ströme trennt, kamen beide Paddler erst nach einem Kilometer Strecke wieder mit uns zusammen. Die Australier fuhren übrigens in 5,2 m langen russischen Einer-Faltbooten mit Aluminiumgestänge. Sie paddelten sehr diszipliniert, nie schneller als der langsamste von uns, obwohl sie aus dem Leistungssport kommen und Landesmeistertitel besitzen. Ihre Boote lagern in Deutschland, und alle zwei Jahre machen sie hierzulande Urlaub auf dem Wasser.    

In Unkel konnten wir dann alle unsere Zelte aufschlagen. Dasselbe dann auch noch einmal 46 km rheinabwärts in Köln-Rodenkirchen mit viel Platz für unsere Stoffbehausungen. Die Australier nutzten das gleich zwei Tage lang, um sich Köln in Ruhe anzuschauen. Wir paddelten indes noch acht Kilometer weiter bis zur Deutzer Brücke und gerieten mitten in eine große Demonstration von Schwulen und Lesben hinein. Trotzdem besichtigten wir die Altstadt, den Dom und das Brauhaus von Früh-Kölsch.

Letzter Tag auf dem Wasser. Nach 40 km kamen wir in Düsseldorf-Benrath an. Meine Tochter Birgit holte uns mit dem Bootsanhänger ab. In unserem Garten wurden die Zelte aufgebaut. Am nächsten Tag fuhren zwei der Männer mit dem Zug nach Kehl, um ihre Autos zu holen. Zum gemeinsamen Abschiedsessen – Reibekuchen mit allem drum und dran, also auch mit entsprechendem „Fettlöser“ – ging eine erlebnisreiche Paddeltour zu Ende. Vor ihrer Heimfahrt wollten die Gäste aber auch Solingen besichtigen. Wir fuhren durchs Ittertal zum historischen Stadtkern Gräfrath, in die City und zur Müngstener Brücke. Unter dem großen Viaduktbogen gab es noch einen Abschiedstrunk meines speziellen „Maubes-Südhang“. Der Wupper aufwärts entlang über das Sonnborner Kreuz begleitete ich noch kurz den Autotross Richtung Hannover. Abends kam dann der Anruf der Heimkehrer: „Alle gut gelandet – vielen Dank!“              Horst Stöcker